DGfMM – Fachzeitschrift

Ausgaben & Abstracts der DGfMM-Fachzeitschrift

Die DGfMM-Fachzeitschrift „Musikphysiologie und Musikermedizin“ veröffentlicht regelmäßig wissenschaftliche Originalarbeiten und praxisnahe Beiträge. Hier können Sie die Zusammenfassungen einsehen. Mitglieder haben nach dem Login Zugriff auf die Volltexte.

Zeitschrift 2021

Ausgabe 01 / 2021

Komplette Ausgabe

Herausgeber*innen: E. Altenmüller (Hannover), J. Blum (Frankfurt-Worms), H. C. Jabusch (Dresden), H. Möller (Berlin), M. Schuppert

Abstract

Lampenfieber sollte nicht negativ beurteilt werden

Musikphysiologie und Musikermedizin 2021, Nr. 1, Jg. 28 3 Lampenfieber sollte nicht negativ beurteilt werden* Sagt Michael Fuchs, der Leiter des Leipziger Zentrums für Musikermedizin. Wir sprachen mit dem HNO-Arzt, Phoniater und Pädaudiologen nicht nur über Lampenfieber, sondern auch über typische Musikerkrankheiten und die Corona-Pandemie. Herr Professor Fuchs, wann hatten Sie zum ersten Mal Lampenfieber? Michael Fuchs: Als Thomaner sollte ich beim Weihnachtsliederabend ein kleines Solo singen. Da war ich vielleicht elf oder zwölf. Die väterlich-beruhigende Art des damaligen Thomaskantors Hans-Joachim Rotzsch half mir zwar, aber trotzdem war ich sehr aufgeregt. Es war das erste Mal, dass ich bewusst Lampenfieber empfunden habe, mit weichen Knien und ein bisschen Zittern. Haben Sie das als stimulierend oder eher blockierend empfunden? Fuchs: Zum Glück habe ich nie unter der pathologischen Art von Lampenfieber gelitten, der Auftrittsangst.

Abstract

Musikphysiologie – abstrakter Begriff oder geläufiger Terminus?

Lydia L. Weißert (Essen)

HINTERGRUND: Ein Musikstudium wird
häufig bereits mit physischen und psychischen
Beschwerden begonnen, die sich während des
Studiums potenziell sogar verstärken. Dies wirft ob
der sich immer weiter verbreitenden musikphysiologischen Angebote im Musikhochschulkontext
einige Fragen auf.
ZIEL: Das Ziel der Arbeit war, folgende Fragen
zu beantworten: Ist der Begriff Musikphysiologie
Studierenden geläufig? Können mit diesem Begriff
überschriebene Seminare der Musiker*innengesundheit zugeordnet werden? Welchen Titel muss
ein Seminar tragen, um von Studierenden eindeutig
der Musiker*innengesundheit zugeordnet werden
zu können? Wissen Studierende von musikphysiologischen Angeboten an ihrer Musikhochschule?
METHODE: Die Datenerhebung erfolgte vom
09.06.2020 bis 07.11.2020 per Online-Fragebogen.
Dieser wurde in drei Versandwellen an Studierende
der 24 deutschen Musikhochschulen verteilt. In der
dritten Versandwelle wurde eine Frage ergänzt. Die
Datenauswertung erfolgte via Microsoft Office 365®
Excel, Version 2008. Es wurden keine statistischen
Signifikanzen berechnet.
ERGEBNISSE: Von 457 Studierenden schlossen
80% die Umfrage ab. Zwanzig von 24 Musikhochschulen sind repräsentiert. Vierundfünfzig Prozent
der Teilnehmer*innen können den Begriff Musikphysiologie nicht zuordnen. Musikphysiologie
wird von 50 % mit gesunder und ergonomischer
Haltung beim Musizieren assoziiert, von 25 % mit
den psychischen und mentalen Komponenten des
Musizierens; 24 % müssten sich erst mit dem Begriff
auseinandersetzen, um ihn näher definieren zu
können. Von 127 Teilnehmer*innen, die die hinzugefügte Frage beantworteten, wissen 40 % nicht
sicher, ob es Angebote zur Musiker*innengesundheit an ihrer Musikhochschule gibt.
SCHLUSSFOLGERUNG: Der Begriff Musikphysiologie scheint Studierenden wenig geläufig zu
sein. Eine Sensibilisierung für musikphysiologische
Themen und dazugehörige Termini im Hochschulkontext scheint erforderlich, um zu gewährleisten,
dass erforschte Inhalte die Praxis erreichen.

Abstract

Stimm- und Kehlkopfveränderungen im Alter (Presbyphonie und Presbylarynx)

Wolfgang Angerstein (Düsseldorf)

Etwa 20 % der über 60-Jährigen weisen eine
Altersstimmstörung (Presbyphonie) auf, die oftmals von Presbyakusis (Altersschwerhörigkeit),
Presbyphagie (Schluckstörungen im Alter), Presbyvertigo (Altersschwindel) und/oder Presbyopie
(Alterssichtigkeit) begleitet wird.
Presbyphonie betrifft die Singstimme häufiger, früher
und deutlicher als die Sprechstimme. Aber nicht nur
Qualität und Belastbarkeit von Sing- und Sprechstimme werden beeinträchtigt, auch der Atemantrieb
wird durch die eingeschränkte Lungenfunktion
schwächer. Durch das Absenken des Kehlkopfes
verändern sich bei Senioren zudem die Resonanzverhältnisse im Ansatzrohr, und das Aspirationsrisiko steigt. Die stimmlichen Einbußen beruhen auf
morphologischen Altersveränderungen des Kehlkopfes (Prebylarynx), die sowohl das ektolaryngeale
Kehlkopfskelett als auch die endolaryngealen Weichteile (insbesondere die Stimmlippen) betreffen. Der
Vokalismuskel atrophiert und wird hypoton, was
zu einer spindelförmig-ovalären Glottisschlussinsuffizienz mit Luftverlust bei Phonation führt. Die
Schleimhäute trocknen aus im Sinne einer Laryngitis
sicca.
Bei der Stimmrehabilitation im Alter müssen
allgemeine und speziell auf die Stimme bezogene
Behandlungsoptionen unterschieden werden: Zu
den allgemeinen Therapieansätzen gehört die
Mitbehandlung internistischer und neurologischer
Grunderkrankungen (z. B. Reflux, neurodegenerative
oder zerebrovaskuläre Erkrankungen) – auch Nebenwirkungen von Medikamenten müssen beachtet
werden. Ein gesunder Lebensstil ohne Noxen
begünstigt den Funktionserhalt von Phonations- und
Atemorganen. Stimmtherapeutisch kommen sowohl
Tonisierungsübungen zur Verbesserung des phonatorischen Glottisschlusses als auch detonisierende
Entspannungsübungen zum Abbau supraglottischer
hyperfunktioneller Pressmechanismen in Betracht.
In Einzelfällen mit großem Glottisspalt bei Phonation kann eine phonochirurgische Stimmlippenaugmentation den Glottisschluss verbessern und
somit die Stimme kräftigen. Stimmhygienische
Maßnahmen (z. B. regelmäßiges Befeuchten der
Atemwege) ergänzen das Stimmtraining.
Singen im Alter hat sowohl psychosozial (Steigerung
des Wohlbefindens und der sozialen Teilhabe) als
auch immunologisch (Anstieg des IgA im Speichel)
positive Effekte.

Abstract

Wie wird aus Fremdem Vertrautes in der Musik? Analytische Betrachtungen zur Neurobiologie des auditiven Lernens am Beispiel von Luca Lombardis „Nel Vento, con Ariel“

Eckart Altenmüller (Hannover)

Musik hören und emotional erleben ist ein aktiver, Bedeutung konstruierender Vorgang. Musik
wahrnehmen ist daher immer auch Gehörbildung
und auditives Lernen, das von neuroplastischen
Veränderungen der Hirnfunktion und -Struktur
begleitet ist.
Dabei ist jede anspruchsvolle Musik zunächst fremd,
komplex, und unerschöpflich. Im Prozess des Hörens
erschließt sich non-verbal das Werk. Vertrautes taucht
aus dem Nebel der Klangwolken auf, wandelt in
Metamorphosen seine Gestalt (ein Thema erscheint
z. B. als Variation in einem anderen Tongeschlecht),
ermutigt zum Ordnen, schafft nach und nach Sicherheit und gibt uns schließlich die befriedigende
Gewissheit, etwas Neues erlernt zu haben. Die Überführung von Unsicherheit in Sicherheit, von Fremdem
in Vertrautes kann uns in rauschähnliche Zustände, in
Flow und Glück versetzen.
Die Überführung von Fremdem in Vertrautes in
der Musik wird hier aus einer neurobiologischen
Perspektive und aus einer emotionspsychologischgesellschaftlichen Perspektive betrachtet. Am Beispiel
des Werkes „Nel Vento, con Ariel“ von Luca Lombardi
werden die physiologischen und psychologischen
Vorgänge beim Hören des Werkes demonstriert und
die zahlreichen Ebenen und Bezüge des Musikstückes
verdeutlicht.

Herausgeber:
J. Blum (Frankfurt-Worms), M. Fuchs (Leipzig), H.-C. Jabusch (Dresden), M. Schuppert (Würzburg-Kassel)

Hinweise für Autorinnen und Autoren

Die Fachzeitschrift „Musikphysiologie und Musikermedizin“ bietet die Möglichkeit, wissenschaftliche Originalarbeiten, Fortbildungs- und Übersichtsarbeiten zu veröffentlichen. Ausdrücklich willkommen sind Beiträge aus der Praxis. Zum Themenkreis gehören physiologische/ körperliche, psychologische/ psychosomatische und klinische Fragestellungen bei Musikerinnen und Musikern einschließlich präventiver und pädagogischer Aspekte. Die Auswahl der zur Veröffentlichung kommenden Beiträge trifft das Herausgeberteam in Zusammenarbeit mit einem wissenschaftlichen und einem künstlerischen Beirat.

Weitere Informationen zur Einreichung der Manusscripte etc. erhalten Sie hier:Hinweise für Autorinnen und Autoren